Wahlen in SĂŒdafrika: Funktionierende Demokratie

29. August 2016 – 09:40

Der Amtseid ist geschworen, seit Freitag ist es offiziell: Johannesburg hat einen neuen BĂŒrgermeister und erstmals seit 1994 kommt der nicht vom African National Congress (ANC), sondern von der Opposition. Die einstige Befreiungsbewegung, die SĂŒdafrika seit dem Ende der Apartheid regiert, hat die grĂ¶ĂŸte Stadt des Landes verloren, ganz unspektakulĂ€r durch Wahlen. Und sie hat es hingenommen. All die dĂŒsteren Szenarien von WahlfĂ€lschung bis hin zu marodierenden Parteimilizen, die den ANC nach diesem Tag X an der Macht halten wĂŒrden: Sie bleiben in der Phantasie kreativer Medienschaffender gefangen. SĂŒdafrika, das hat diese Kommunalwahl gezeigt, ist eine funktionierende Demokratie.

Was „funktionierende Demokratie“ eigentlich bedeutet, wird nun aber auch klar: Es gewinnt in schwierigen Zeiten stets derjenige, der am lautesten „Change“ schreit. Alles soll sich Ă€ndern, auf diese Parole lĂ€sst sich das Programm der Democratic Alliance (DA) herunterbrechen. Das Gesicht dazu lieferte Herman Mashaba, ein MultimillionĂ€r, der nun 32 Aufsichtsratsposten aufgeben will – und seine Firmenbeteiligungen an seine Frau weiterreicht. So will er sich die Zeit fĂŒr den neuen Job als Stadtoberhaupt freischaufeln und Interessenkonflikte vermeiden – oder eben aus seinem Kopf an den heimischen KĂŒchentisch verlegen. Dieses Strohmannmodell ist kein „Change“, in der Sache kann Mashaba in den Reihen des ANC etliche Mentoren finden.

Ansonsten droht nun hauptsĂ€chlich Chaos. Denn Mashabas Gesicht brachte der DA zwar immerhin 38 Prozent bei der Wahl, damit aber keine Mehrheit. Die EFF, mit radikal linken Forderungen in den Wahlkampf gezogen, stimmte zwar fĂŒr das New Kid on the Block, um den ANC zu Ă€rgern, will ansonsten aber auch nicht mit dem großkopferten GeschĂ€ftsmann von den Neoliberalen spielen. Kurzum: Mashaba dĂŒrfte als BĂŒrgermeister selten Mehrheiten genießen. Die UnterstĂŒtzung aus der StaatsfĂŒhrung und der Provinzregierung – beide vom ANC gestellt – dĂŒrfte sich auch in Grenzen halten. Prognose: Die politischen Gegner haben es sich mit Popcorn und Cola auf der Couch gemĂŒtlich gemacht, um fortan das scheitern der DA abzufeiern.

Und Mashaba: Der Mann, der sein Imperium mit dem Verkauf von HaarglĂ€ttungsmittelchen fĂŒr schwarzes Haar aufbaute, soll nun eine neoliberale Weißenpartei wie einen Heilsbringer fĂŒr die Mehrheitsgesellschaft aussehen lassen. Doch diese Tönung scheint leicht abwaschbar. Gleich vorweg posaunte Mashaba hinaus, er wolle die Stadt wie ein Unternehmen fĂŒhren. Den Kommunalangestellten drohte er gleich mal mit einer ÜberprĂŒfung ihrer FĂ€higkeiten und Leistungen. Wer kompetent ist, mĂŒsse sich keine Sorgen um seinen Job machen, heißt es aus dem BĂŒro des neuen BĂŒrgermeisters. Die Gewerkschaften, seit dem Anti-Apartheid-Kampf ohnehin mit dem ANC im Bunde, werden diese Einladung zum Kampf gern annehmen. Johannesburg hat die WundertĂŒte „Wandel“ gewĂ€hlt und bekommt nun Blockade und Stillstand, oder anders ausgedrĂŒckt: funktionierende Demokratie.

Erschienen am 29. August 2016 in der jungen Welt.

FĂŒnf GĂ€nge frei Haus – WeihnachtskĂŒche auf sĂŒdafrikanisch

24. Dezember 2012 – 08:48

Weihnachtszeit ist Sommerzeit in SĂŒdafrika. Die Tage auf der SĂŒdhalbkugel sind jetzt am lĂ€ngsten und wĂ€rmsten. WĂ€hrend sich die HalbwĂŒste der Karoo bis zu 50 Grad Celsius aufheizt, bleibt das Thermometer am meeresgekĂŒhlten und steifen Brisen umwehten Kap der Guten Hoffnung allerdings meist in den angenehmen 20er- bis 30er-Regionen stehen. Das liegt nicht zuletzt am eiseskalten Benguela-Strom. Aus der Antarktis kommend sorgt er an der Westseite des sĂŒdlichen Afrikas bis hinauf zum Äquator fĂŒr Fischreichtum, aride Landstriche und schnell zurĂŒckgezogene TouristenfĂŒĂŸe an den malerischen StrĂ€nden Kapstadts. Östlich der Kap-Halbinsel liefert sich die Strömung einen ewigen Kampf mit dem wesentlich wĂ€rmeren Agulhas-Strom, der seinen Ursprung in den wohltemperierten GewĂ€ssern Mosambiks und Madagaskars hat. Die Kombination aus wechselnd warmem Wasser und reichhaltiger Sauerstoff- und Planktonversorgung mit Absender Antarktis macht die GewĂ€sser sĂŒdöstlich von Kapstadt zum idealen Revier des WestkĂŒsten-Felsenhummers. Die staatlichen Schalentiere, die mit Klauen statt Scheren ihre Nahrung aus Muscheln, Seeigeln und toten Fischen zerlegen und deswegen eigentlich zu den Langusten gehören, sind die Hauptattraktion der Kap-KĂŒche. Gut und gerne 20 Euro legt der geneigte Restaurant-Besucher fĂŒr einen 300-Gramm-Portionshummer rund um Kapstadt auf den Tisch. Die Saison-Lizenz des sĂŒdafrikanischen Fischereiministeriums ist dagegen mit knapp 9 Euro ein SchnĂ€ppchen, vier Langusten pro Fang-Tag darf der Hobby-Fischer damit zum Eigenverzehr an Land holen. Der Star meines JĂ€ger-Sammler-FĂŒnf-GĂ€nge-MenĂŒs steht damit fest, doch beginnen wir zunĂ€chst mit der Vorspeise.

Muscheln, Oktopoden, Schnecken – alles fangfrisch

Deren Hauptzutat bedarf zwar einer weiteren 9-Euro-Lizenz fĂŒr Weichtiere, lĂ€sst sich dafĂŒr aber bei Flachwasser kinderleicht erlegen. Auf den trocken liegenden Granitfelsen der Brandungszone kommen dann nĂ€mlich riesige Miesmuschelkolonien zum Vorschein. Jetzt im Sommer haben sie schon gut Fleisch angesetzt und landen neben ein paar Tomaten, reichlich Knoblauch und FrĂŒhlingszwiebeln in einer cremigen Muschelsuppe. Der Schnittlauch im Garten ist auch bereits reichlich gewachsen und garniert den MenĂŒ-Einstieg. Wenn es am Kap ĂŒbrigens ein wirklich traditionelles Gericht gibt, dann dĂŒrften das die Muscheln sein. Denn lange bevor die EuropĂ€er das Gebiet eroberten, lebten hier die Khoisan, von den Siedlern als Buschleute bezeichnete Ureinwohner des sĂŒdlichen Afrikas, deren einstige Leibspeise sich noch heute anhand der Muschelschalenhalden in der NĂ€he etlicher Höhlen entlang der KĂŒste ablesen lĂ€sst.

Auf reichlich Regen folgen am Kap reichlich Reizker.

 

FĂŒr den folgenden kleinen Zwischengruß aus der NaturkĂŒche bedurfte es dagegen des europĂ€ischen Einflusses, genauer gesagt der weitreichenden Kiefernplantagen, die sie in der eigentlich von Feinbusch dominierten Landschaft angelegt haben. Mit den Kiefern kamen so nĂ€mlich auch Steinpilze, Reizker, Maronen und Perlpilze ans Kap, die dank des gemĂ€ĂŸigten Klimas gleich zweimal jĂ€hrlich sprießen, im FrĂŒhjahr und im Herbst. Einzige Voraussetzung ist ein heftiger Regenguss. Weil sich die Himmelstore um Weihnachten allerdings nur höchst selten öffnen, mĂŒssen hier in der Regel die November-Steinpilze aus dem TiefkĂŒhlschrank herhalten. In große StĂŒcken geschnitten und gemeinsam mit gesĂ€uberten, abgebrĂŒhten Periwinkles (einer kleinen, nussig-aromatischen Seeschnecke) werden sie in Butter, Salz und Pfeffer angebraten und schließlich auf Zahnstocher gespießt. Ein paar geröstete PekannĂŒsse vom Baum im Garten liefern schließlich die Beilage.

Noch ein köstlicher Eindringling: Steinpilz am Tafelberg.

Doch raus aus dem Wald und rein ins Meer. Herrlich winden sich die Talstraßen aus dem Helderberg-Höhenzug östlich von Kapstadt hinunter durch das Weinland in Richtung der im November bei paarungswilligen Walen Ă€ußerst beliebten Walker-Bucht. Keine Sorge, auf meinem Zutatenzettel fĂŒr das WeihnachtsmenĂŒ steht ein wesentlich kleinerer Zeitgenosse: der Oktopus. In den natĂŒrlich geformten Steinbecken, die bei Ebbe nur noch alle paar Minuten mit dem Frischwasser großer Wellen versorgt werden, liegt das Revier der Ă€ußerst intelligenten Weichtiere. Die aggressive Verteidigung ihres Territoriums gegen Artgenossen wird den Kraken allerdings zum VerhĂ€ngnis – und den mit der Taucherbrille umher watenden Fischern zum Vorteil.  Ein Gummi-Tintenfisch am Gaff lockt und zieht die achtarmigen Tiere aus ihrer Felsspalte. Nach einer Stunde bei niedriger Hitze im Ofen ist ihr Fleisch angenehm zart und zusammen mit den frischen Bohnen aus dem Garten perfekt fĂŒr eine kleine, dunkle Paella geeignet. Ein paar Muscheln oder HummerstĂŒcke ergĂ€nzen das Gericht ganz gut.

Es lebt und diniert sich nicht schlecht aus dem Korb des Meeres, doch mĂŒhelos ist das Unterfangen nicht. Wer sich durch die brechenden Wellen ins kalte Wasser kĂ€mpft, bemerkt recht schnell, dass die Delikatessen erst mit wachsendem Aufwand immer ausgefallener werden. In zwei bis fĂŒnf Metern Tiefe bevölkert schließlich eine Seeschnecke namens Turbo Sarmaticus den Meeresboden. Die gewundene Schale der Wasserpflanzenfresser, die die SĂŒdafrikaner Alikreukel nennen, geht in Europa in geschliffenem Zustand fĂŒr relativ viel Geld ĂŒber die Ladentische. Die Menschen am Kap sind dagegen hauptsĂ€chlich an dem reichen, zĂ€hen Fleisch der Tiere interessiert. Der gesĂ€uberte Fuß und Körper der stĂ€mmigen Schnecke kommt in den Fleischwolf, wird mit Ei, Knoblauch, Semmelmehl, Salz, Pfeffer und gehackten Chili-Schoten vermengt und schließlich zu Bouletten gebraten. Eigentlich könnte man in dieser Speise schon versinken, doch um die BestĂ€nde nicht zu ĂŒberfischen, dĂŒrfen nur fĂŒnf Schnecken gefangen werden – weshalb in der Tauchtasche noch etwas Platz fĂŒr den König der Kap-KĂŒste bleibt.

Fangplatz Kelp-Dschungel: Die Unterwasser-BĂ€ume bremsen die harte Brandung und bieten neben Hummern und Schnecken auch schnorchelnden JĂ€gern Schutz.

Argwöhnisch ragen seine langen lehmrot-grau-gestreiften FĂŒhler aus kleinen Felsspalten und ÜberhĂ€ngen jenseits der Gezeitenzone hervor. Harmlose gestreifte und gepunktete Riff-Haie verstecken sich hier im Dschungel der baumlangen Unterwasserpflanzen, Miniatur-Korallen wachsen neben buntem Seegras, das auch scheuen Fischen und knallroten Seesternen als Lebensraum dient. An GlĂŒckstagen taucht sogar eine Robbe oder eine Gruppe Delfine vor der Taucherbrille auf. In dieser kalten, hĂ€ufig wellig-rauen, aber doch so unheimlich schönen Unterwasserwelt lauert er, der WestkĂŒsten-Felsenhummer, stets zum RĂŒckzug in seine Höhle bereit. Fischer kommen ihm mit Muschelködern und Ringnetzen bei. Doch der Königsweg zu den grĂ¶ĂŸten Exemplaren, der hier bis zu 1,5-Kilogramm schweren Langusten ist noch immer der flinke Griff des abtauchenden Schnorchlers. Verkeilt sich der Hummer dann in seiner Höhle, entwickelt sich ein Kampf um Leben oder Genuss, zeitlich begrenzt durch den eigenen Atem. Sauerstoffflaschen sind beim Beutezug nĂ€mlich verboten, die SĂŒdafrikaner wollen die Jagd fair halten und rĂ€umlich auf die flacheren Zonen einschrĂ€nken. So schwierig der Fang ist, so kinderleicht ist die Zubereitung. Der getötete Hummer wird lĂ€ngs in zwei HĂ€lften geteilt und mit der Schale nach unten auf dem Grill unter stetigem Bestreichen mit Knoblauch-Butter langsam gegart. Dazu passt ein Chardonnay vom Vorjahr, den es direkt auf den Weinfarmen gibt, wo sich die 2013er-Reben gerade ihre letzten Sonnenstunden vor der Ernte im Januar und Februar holen. Der gute Tropfen bleibt bei diesem MenĂŒ neben ein paar Grundnahrungsmitteln so ziemlich das einzige, das Geld kostet. Den Rest liefern am Kap die Gaben der Mutter Natur. Frohe, köstliche Weihnachten!

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er vorher lesen

4. Dezember 2012 – 07:57

Es ist vollbracht. Nach mehrfachem Baumpflanzen mithilfe von Rum, Coke und Limetten habe ich nun die zweite große Aufgabe meines MĂ€nnerdaseins hinter mich gebracht. Nein es weder vier WĂ€nde noch Dach und es schreit auch nicht, es schweigt eher wie ein Buch. Wie ein ReisefĂŒhrer, um ganz genau zu sein.

Grenzen meiner Recherche…

Ich muss ja gestehen, dass dieser Moment, das PĂ€ckchen mit den Belegexemplaren auszupacken und das erste echte Buch in HĂ€nden zu halten schon ziemlich viel Begeisterung hervorrief. Mich erinnerte es kurz an die Zeiten der ersten Praktika und Zeitungsausschnitte des ersten eigenen Zeitungsartikels. Hach, waren das Zeiten.

Äh ja, zurĂŒck in die Gegenwart. Der Inhalt ist schnell zusammengefasst: Knapp drei Monate lang habe ich nahezu jeden Winkel von Namibia bereist und die erlangten Informationen und EindrĂŒcke anschließend in 144 Seiten Marco Polo gepresst. Das Ergebnis passt nun in jede grĂ¶ĂŸere Jackentasche, in die man dann abends am Lagerfeuer unterm Sternenzelt der Namib-WĂŒste greifen kann und mit der Taschenlampe den nĂ€chsten Tag plant. Oder man liest es vorm Urlaub zu Hause, oder man kann sich gar keinen Urlaub erlauben, weil der Job ja sooo wichtig ist und liest nur fĂŒr die Inspiration, ist mir doch egal. ISBN 978-3-8297-2551-4 ist das Zauberwort im ordentlich sortierten deutschen Buchhandel und Namibia gehört euch.

Auch dies ist tatsĂ€chlich eine Unterkunft – spartanisch, aber relativ hochwassersicher.

Bittere Trauben

20. November 2012 – 16:24

So so, “die Auswahl von ANC-GemeinderĂ€ten im vergangenen Jahr war voller Manipulationen und ernster UnregelmĂ€ĂŸigkeiten“, berichtet der Sunday Independent vorgestern. So wirklich neu ist das nicht, entsprechende Berichte und innerparteiliche AnwĂŒrfe kursieren seit langem, es gab sogar Demonstrationen gegen unliebsame ProvinzfĂŒrsten. Nun hat aber das von der Regierungspartei selbst eingesetzte Task-Team unter Leitung der Vorsitzenden der Afrikanischen Union, Nkosazana Dlamini-Zuma, seinen Bericht vorgelegt, das ist natĂŒrlich eine ErwĂ€hnung wert. In 419 Wahlkreisen hat die Kommission demnach ermittelt. Ja, wirklich, 419. Der Zahlencode fĂŒr billigen Email-Betrug bringt Schelme wie mich natĂŒrlich zum Lachen, die kleinen Heiterkeiten des nerdigen Korrespondenten, der sonst nichts zu lachen hat. Wirklich lustig ist es aber natĂŒrlich nicht.

Außerhalb des BĂŒros wird das schnell klar, wie neulich im Dorf De Doorns. De Doorns, gut anderthalb Stunden nordöstlich von Kapstadt im malerischen Hex River Valley gelegen, kennen die meisten SĂŒdafrikaner nur vom Ortsschild an der Fernstraße N1, die die ruhige Mutterstadt am Kap mit der hektischen Finanzmetropole Johannesburg verbindet. De Doorns ist dieser Tage weder ruhig noch hektisch. Es ist im Grunde genommen explodiert. Denn in den hĂŒbschen, grĂŒnen Weinfeldern rund um das Örtchen mit seinen 9000 Einwohnern, zwei SupermĂ€rkten, der protzigen Dutch Reformed Church und der zurzeit ungewöhnlich emsigen Polizeistation hat sich seit Jahrhunderten ein Arbeitssystem bewĂ€hrt, bei dem den Farmsklaven am Ende nichts ĂŒbrig bleibt, als zu schuften, zu klagen und ihre Kinder irgendwann in den gleichen Kreislauf einzuarbeiten. Die Leibeigenschaft ist hier natĂŒrlich auf dem Papier auch lĂ€ngst abgeschafft, was den Farmern die Möglichkeit gibt unliebsame Arbeiter rauszuschmeißen und aus ihren Behausungen vom Hof zu jagen. Offiziell wird auch niemand mehr mit billigem Wein bezahlt, aber wer bei Tageslöhnen um die 6 Euro, real nicht existierenden Bildungschancen und hungernden Existenzen in windschiefen WellblechhĂŒtten ohne Dusche von etwas anderes als Sklaverei redet, mĂŒsste mir schon noch einmal seine Definition von Freiheit erklĂ€ren. Die Farmarbeiter sahen das Ă€hnlich. Sie streikten, sie wĂŒteten, sie blockierten die Straße mit Felsbrocken, sie plĂŒnderten, sie zĂŒndeten die Weinstöcke an – und sie haben doch keine Chance.

Stell dir vor, es brennt und keiner sieht hin.

Denn auch wenn die Farmer hier natĂŒrlich mehrheitlich Weiße und stramme Gegner des ANC sind, der die schöne heile Apartheid-Welt zumindest anderswo zum EinstĂŒrzen brachte, ist es doch auch jene Zahl 419, die hier zuschlĂ€gt. Es ist der Betrug am Volk. Es sind die VorwĂŒrfe gegen die lokalen ANC-OberhĂ€upter, nebenbei als Zeitarbeitsverleiher am Elend ihrer Untertanen zu verdienen und es ist die Verlogenheit einer StreikfĂŒhrung, die sieben Euro am Tag als Sklavenlohn bezeichnet, aber das Parteibuch jenes ANC in der Tasche hat, der 6 Euro am Tag als Mindestlohn festschreibt.

Ich sollte nicht so undankbar sein, ich hatte doch meinen großen Moment, als der vermeintliche StreikfĂŒhrer zwischen all seinen revolutionĂ€ren Parolen auf die große Wirkung des Streiks verweist, weil ein paar Meter vor ihm ja sogar ein Journalist aus Deutschland stehe. Nicht, dass ich mit meiner mitteleuropĂ€ischen BlĂ€sse unter den Streikenden nicht ohnehin aufgefallen wĂ€re, aber so viele Augen auf einmal, das ist schon komisch. Auch wenn das Thema gar nicht komisch war und die Rolle des Redners – wie ich jetzt weiß – eben auch nicht. Der gute Mann dient neben seinem Job als PrĂ€sident einer ANC-nahen Gewerkschaft nĂ€mlich vor lauter Engagement gleich auch noch als Vorsitzender einer schwarzen Wein-Kooperative, deren Investoren gleichzeitig wesentliche Anteile an wichtigen weiteren Traubenveredlern in der Region haben. Ein scheinendes Beispiel der Transformation weg vom weißen Monopolgewerbe hin zum schwarzen Unternehmer? Oder doch ein Interessenkonflikt? Ich weiß es in seinem Fall wirklich nicht, aber die Ungewissheit ist Teil des Problems.

Posieren vorm Polizeitransporter: Kinder in De Doorns.

„Manchmal sind unsere Leute die schlimmeren Bosse“, sagt eine farbige Aktivistin. Und dann erfahre ich noch von einem Streik von unten, organisiert durch die Arbeiter eines Weinguts, die den ganzen Prozess erst ins Rollen brachten und den anschließenden, aufgescheuchten Kampf der politischen Dorfelite um die Lenkung des Aufstands. Es geht um Ansehenswahrung, um FĂŒhrungsansprĂŒche und damit um Marktanteile auf dem jetzt nach Streikende wieder florierenden Sklavenmarkt. Die Farmer, die sich so gern ĂŒber die korrupte, neue Elite ereifern, werden dann wieder genau mit diesen GeschĂ€ftspartnern zusammenarbeiten, sich von ihnen die billige Arbeitskraft besorgen lassen, die die eigenen Profite erarbeiten darf und das Ausbeutungsspiel bis zum nĂ€chsten politisierten Streik fröhlich mitspielen. Sie brauchen eben den Feind, der seine Leute verkauft. Das war es dann aber auch schon mit dem gesellschaftlichen Wandel, mit der Regenbogenrevolution im lĂ€ndlichen SĂŒdafrika. 419-Country passt da tatsĂ€chlich besser. Wenn der Betrug wieder aufgeht, gibt es bald wieder saftige Weintrauben made in South Africa in deutschen SupermĂ€rkten. Einfach den leichten Staubfilm aus LĂŒge, Verrat und Apartheid abwaschen und dann guten Appetit!

Zum Wegfliegen: Piraten klauen den Titel, Chiefs werden zu Schwalben

25. Mai 2012 – 09:46


Fifa konforme Stimmung in “Soccer City”, das Fans nach einem alten Sponsor noch immer lieber FNB nennen

FĂŒnf Minuten vor dem Ende kam doch noch Stimmung auf in Soccer City, Johannesburgs WM-Fußball-Tempel, wo sich ein paar tausend Unentwegte zumindest Teilzeit den lahmen Saison-Abschluss ihrer Kaizer Chiefs reinquĂ€lten. Die restliche Aufmerksamkeit galt nicht etwa dem unbedeutenden Gegner Amazulu FC, einer namenlosen Truppe aus dem Tabellenniemandsland, sondern dem eigenen Handy-Display. Denn zeitgleich kĂ€mpfte Erzrivale Orlando Pirates mit dem dritten Traditionsclub Sowetos, den Moroka Swallows, um die Meisterschaft. Letztere, in SĂŒdafrika freundlich „Vögel“ getauft, mussten gewinnen und auf einen Patzer der Piraten hoffen – ein Szenario, das auch den Chiefs-AnhĂ€ngern gefallen hĂ€tte, wie die kollektiv ausgebreiteten Arme verrieten, die nun frenetisch auf und ab flatterten.
Chiefs gegen Pirates, das ist das „Friendly Derby“ in SĂŒdafrika, das Duell der beiden grĂ¶ĂŸten Clubs mit den meisten AnhĂ€ngern ĂŒberall im Land. Ausgetragen wird es allwöchentlich in dutzenden Fußballstadien SĂŒdafrikas, wo mit riesigen Plastiksonnenbrillen und ausgeschmĂŒckten Minenarbeiterhelmen ausgestattete AnhĂ€nger beider Lager gegeneinander ansingen und spotten – völlig unerheblich, ob auch nur wenigstens eines ihrer Lieblingsteams sich gerade auf dem Rasen befindet. SĂŒdafrika ist schlicht zu groß und die Fußballfans mehrheitlich zu arm, um ihren Teams zu AuswĂ€rtsspielen zu folgen. Daher feiern sie ihre Helden einfach im nĂ€chstgelegenen Stadion, egal wer gerade spielt. Sperrige ZĂ€une mit Metallzacken und prĂŒgelnde Polizeiroboter brauchen die SĂŒdafrikaner dabei nicht, Fußball ist in der Kaprepublik eine friedliche Veranstaltung.
Am letzten Spieltag in der einstigen WM-Arena Ă€hnelte sie allerdings fast einer Beerdigung. Siphiwe Tshabalala, der an gleicher Stelle vor knapp zwei Jahren mit seinem Tor im WM-Eröffnungsspiel vor 90.000 Fans zum Volkshelden wurde, stand zwar auf dem Platz, war aber nur an seinen langen Rasta-Zöpfen wiederzuerkennen. Vor dem Stadion gingen die Tickets nun nicht zu Mondpreisen sondern fĂŒr umgerechnet 2 Euro zum halben Einkaufspreis weg, die VerkĂ€uferinnen an den offiziellen KassenhĂ€uschen blieben beschĂ€ftigungslos und in dem mittels Kalabassen-Design auf vermarktbares Afrika-Design getrimmten SchmuckkĂ€stchen blieb es ohnehin weitestgehend leer. Die GrĂŒnde dafĂŒr sind vielfĂ€ltig. Zum einen dĂŒrften die AnhĂ€nger der Chiefs kaum noch wissen, wo ihr Team am Wochenende spielt, weil das Club-Management die Heimspiele an immer neue Arenen verkauft, die sich nach der WM mit NĂ€geln und Klauen gegen den völligen Leerstand stemmen. Zum anderen hat die sĂŒdafrikanische Fußballliga den zentral festgesetzten Kartenpreis in der Umnebelung Blatterscher Euphoriegebete vor zwei Jahren einfach mal verdoppelt.
Die SpielqualitĂ€t zog allerdings nicht annĂ€hernd nach. Uninspirierte Ball-Stafetten ohne Torschussabsicht verleiteten Ace Khuse, einstiger Star und aktueller Coach der glanzlosen Glamour Boys, wie die Chiefs im Volksmund firmieren, daher zu drei frĂŒhen Wechseln. Das nutzten jedoch einzig die Zulus aus Durban fĂŒr einen gezielten Tritt fortan verletzungsbedingte Überzahl. Weitere Angriffe auf Ball, Tor und Leben blieben aber aus. Immerhin einen Höhepunkt hatte Amazulu-Torwart Tapuwa Kapini den gelangweilten Fans allerdings noch zu bieten, als er Mitte der zweiten Halbzeit beim Irrlauf durch seinen FĂŒnfmeterraum ohne Ball- und Feindeinwirkung einen Schuh verlor und anschließend stĂ€rkere Probleme beim Schleife-Binden offenbarte. Schallendes GelĂ€chter im weiten Rund, auch so können Spiele verlaufen, in denen es um nichts geht.
WĂ€hrend der starke Wind das Stadion immer mehr mit im Licht der tiefstehenden Sonne gebrochenen Staub von der benachbarten Minen-Abraumhalde einnebelte, half eigentlich nur noch das Angebot der GetrĂ€nkeabteilung. Die entledigten sich vor der Sommerpause ihrer SchwarzbierbestĂ€nde zum Preis von 1 Euro fĂŒr zwei Halbliterdosen. „Wir haben Spaß“, kommentierte mein sichtlich angeheiterter Sitznachbar beim fröhlichen Zuprosten. Das Spiel kann er nicht gemeint haben und auch die Nachrichten von fremden PlĂ€tzen gereichten am Ende nicht zur Schadenfreude, all der Ornithologie zum Trotz. Der rundliche SeerĂ€uber Benny McCarthy, einst wesentlich Schlanker und als einziger SĂŒdafrikaner ĂŒberhaupt 2004 Champions-League- und Weltpokal-Sieger mit dem FC Porto holte die von den Chiefs favorisierten Vögel mit zwei spĂ€ten Treffern aus dem siebten Himmel. Die Piraten hatten den Titel geklaut, das Telefon klingelt, die Quintessenz des seerĂ€uberischen Anrufers: „Haha.“


Stadion-Kalabasse, Parkplatz-Acker, Johannesburg (von rechts)

Die Kuchenkapitulation einer revolutionÀren Partei

4. Mai 2012 – 11:34

Ich könnte hier jetzt ĂŒber die Nachricht von den drei Damen aus Simbabwe schreiben, die gestern durch die Gazetten geisterte. Den Ladys war vorgeworfen worden, MĂ€nner zu vergewaltigen, um deren Samen abgefĂŒllt in Kondome zu gewinnen. Nach genetischen Tests wurden sie allerdings von den VorwĂŒrfen frei gesprochen – an den 31 benutzten VerhĂŒterlis, die die Polizei im Kofferraum gefunden hatte, waren keine DNA-Spuren der Opfer. Ob angesichts der Tatsache, dass die wahren TĂ€terinnen nun immer noch freilĂ€ufig sind, ein massiver MĂ€nnertourismus nach Simbabwe eingesetzt hat, ist mir allerdings nicht bekannt. Deswegen schließe ich dieses Thema hier ab, es ist mir auch viel zu klamaukbeladen und fĂŒr Klamauk haben wir ja in SĂŒdafrika den ANC.

Die Mitnahme von HeißgetrĂ€nken zu ANC-Events (hier Schlange zu sowas Ähnlichem: PrĂ€sidentschaftswahl 2009) ist auch zukĂŒnftig nur bedingt sinnvoll, Hoffnung auf begleitendes GebĂ€ck besteht nicht.

Dessen Vorsitzende Baleka Mbete sorgte dem nahenden Anlass passend kurz vorm 1. Mai mit ihrer Auswertung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag der einstigen Befreiungsbewegung und jetzigen Regierungspartei fĂŒr ein betrĂ€chtliches Nachrichtenaufkommen. Der ANC-Geburtstag war zwar schon am 8. Januar und Mbete mit ihrem Report fĂŒr nachrichtliche Zwecke eigentlich recht spĂ€t dran, doch die Erkenntnis der Feier, auf der PrĂ€sident Jacob Zuma noch mit fĂŒr die verarmten Massen so bedeutungslosen Lippenbekenntnissen wie „Die wichtigste Aufgabe ist es, die demokratische Revolution zu beschleunigen“ langweilte, verblĂŒfft vollends: „Es wurde vorgeschlagen, das auf zukĂŒnftigen 8.-Januar-Feiern das Essen von Kuchen privat gemacht werden sollte, da es nichts Gutes verheißt vor unseren Mitgliedern und AnhĂ€ngern zu essen, wĂ€hrend diese nicht essen“, ließ das Papier wissen.

Welch revolutionĂ€re Erkenntnis! Gedanken an Brechts Resolution der Kommunarden, an Fensterscheiben und Brot kommen auf (hier sehr schön interpretiert zum Nachhören). Das geht natĂŒrlich nicht, dass Politiker sich ein großes StĂŒck vom Kuchen nehmen, wĂ€hrend die Habenichtse zuschauen. Das muss heimlich geschehen! In Zukunft will der ANC dem Report zu Folge bei seinen Feierlichkeiten zwar allen Ernstes eine Torte prĂ€sentieren, sie dann aber nicht öffentlich verzehren. ANC-Sprecher Jackson Mthembu wusste sogar zu berichten, dass die Partei ĂŒber Alternativen nachdenke, beispielweise die Torte einem Waisenheim zu spenden. Potzblitz! Man mĂŒsse ĂŒberlegen, wie man die Sache mit dem Kuchen weniger unsensibel gestalten könne, so Mthembu. Fast, so scheint es, hĂ€tte er öffentliches Kuchenessen mit dem neuen Modewort „un-ANC“ bedacht, eine Abwandlung des fĂŒr Widerlichkeiten aller Art verwendeten Klassikers „unafrikanisch“, die Mthembu neulich fĂŒr das Verhalten des in Ungnade gefallenen und nun suspendierten Jugendliga-PrĂ€sidenten Julius Malema gewĂ€hlt hatte.

Soweit kam es freilich nicht, dennoch verblĂŒfft die Kuchen-Saga. Ich hatte ja wĂ€hrend der Live-Übertragung der Feierlichkeiten schon geschluckt (mein eigenes Bier), als der sĂŒdafrikanische VizeprĂ€sident Kgalema Motlanthe mit dem Spruch „Und diejenigen, die kein Champagner-Glas haben: Immerhin habt ihr Kameras in euren HĂ€nden“ zu „SolidaritĂ€t“ und „Einigkeit“ mit der FĂŒhrungsspitze anstieß. Das Saufen im Namen des Volkes wollen die Großkopferten allerdings nicht aufgeben, zumindest ließen sie derlei PlĂ€ne nicht verlauten. Soviel Änderungen auf einmal wĂ€ren aber wahrscheinlich auch einfach zu revolutionĂ€r fĂŒr den ANC.

Ausflug ins Paradies

15. April 2012 – 18:14

“Taxi?” – eine einzelne, schĂŒchterne Frage, kein Schwarm nach AuftrĂ€gen dĂŒrstender Asphaltcowboys, keine aufdringlichen KoffertrĂ€ger und hinter dem Ausgang gleich ein dominantes Granitmassiv, dicht bewachsen in paradiesischem GrĂŒn. Ganz klar: Die Ankunft auf den Seychellen hatte ich mir anders vorgestellt. Ich ließ den Taxifahrer ignorant stehen, vermied jeglichen Blickkontakt und war ein paar Minuten spĂ€ter selbst beschĂ€mt ĂŒber mein in Kapstadt, Johannesburg, Windhuk und sonstwo antrainiertes Verhalten.


Die Seychellen sind anders, das sollte auch die Fahrt ĂŒber die Hauptinsel MahĂ© mit der malerischen Hauptstadt Victoria zeigen, die wie eine Mischung aus Fischerdorf und lĂ€ndlichem Provinzzentrum wirkt. Armenviertel gibt es nicht. Das Bild zog sich durch den gesamten Arbeits-Urlaub, in neun Tagen hat mich nicht ein Mensch angebettelt, fĂŒr die LeihfahrrĂ€der gibt es mangels Dieben keine Schlösser und selbst sichtlich beschwippste, alte MĂ€nner, die vorm Kiosk im Schatten sitzen, grĂŒĂŸen mit einem anstandsgeladenen „Bonjour“.


Der lokale Radiosender heißt Paradise FM und beschreibt seine Heimat damit betreffend. Gemeint sind damit nicht nur die Korallenriffe, wo sich rote, gelbe, blaue, hellsilbrige, mattschwarze, hochrĂŒckige, kreisförmige, dickliche, aaldĂŒnne und torpedoartig schnittige Fische nebeneinander tummeln – Haie, Roch und Meeresschildkröten, Kalamare, Kaui-Schnecken und Felsenhummer nicht zu verschweigen. Gemeint sind auch nicht nur die von Granitklippen durchzogenen Dschungel, in denen Mango- und AvocadobĂ€ume neben Bananenstauden und Kokospalmen wild wachsen. Nein, das Paradies beschreibt auch die Kultur der Seychellen, wo selbst die betrunkenen Teenager am Samstagabend auf der Hafenmole nicht auf die Idee kĂ€men, einen ahnungslosen Urlauber aufzuziehen, wĂ€hrend die Inselpolizistin am Schreibtisch hinterm Fenster in einen dicken Schmöker vertieft ist.


Robinson Crusoe pur sind die Seychellen nicht mehr, auch La Digue nicht, die einst autofreie Nebeninsel, auf der ich das Gros meiner Zeit verbrachte. Aber die Inseln haben zufriedene Einwohner hervorgebracht, die mit dem Tourismus ein gutes, entspanntes Leben fĂŒhren können. Armstrong, der Wirt meines kleinen Gasthauses, war einer von ihnen, ein sanfter BĂ€r von Mann, der mir zur frĂŒhmorgendlichen Abreise drei PassionsfrĂŒchte mit auf den Weg gab. Die schmecken nach Paradies wie kein anderes Obst, sind im Abgang aber sĂ€uerlich, als wollten sie mich daran erinnern, dass mein Aufenthalt in der Traumwelt endlich war. Die nĂ€chsten Stationen hießen Johannesburg und Kapstadt, ich habe bereits wieder dutzende KoffertrĂ€ger und Taxifahrer ignoriert.

Fick das System

14. MĂ€rz 2012 – 14:23

Hat sich zufĂ€llig in jĂŒngerer Vergangenheit mal jemand gefragt, was eigentlich aus der Opposition in Simbabwe geworden ist? Nein? Man hört ja auch nicht gerade viel und das liegt in der Regel nicht daran, dass dieser superbrutale SchurkenprĂ€sident Robert Mugabe seine berĂŒchtigten Kriegsveteranen, die eigentlich eher eine ĂŒble SchlĂ€gertruppe als tatsĂ€chliche Ex-Soldaten sind, auf alles hetzt, was sich irgendwie Ă€ußert. Gut, seine Polizei hat neulich eine Vorlesung des sĂŒdafrikanischen Privatisierungsgegners Patrick Bond zu grĂŒnen Energien verboten, das ist nicht sonderlich demokratisch. Doch dafĂŒr wird Mugabe nicht kritisiert, grĂŒn angestrichene Linke zĂ€hlen schließlich nicht viel, das Schicksal haben sie mit Mugabes nicht-weißen Landsleuten gemein, die er schon in den 80ern aus ethnisch-politischen GrĂŒnden systematisch hat verhungern lassen, als die Weißen noch lustige Bauernpartys in ihren FarmhĂ€usern feierten.

Doch zurĂŒck in die Gegenwart, wo die Opposition theoretisch an der Macht beteiligt ist, sich aber hauptsĂ€chlich selbst im Weg steht. Wenig geholfen hat da auch die Spaltung in eine nach dem nicht sonderlich clever wirkenden Ex-Gewerkschafter und Freund des Westens Morgan Tsvangirai benannten MDC-T –Fraktion und eine MDC-X, benannt nach seinem internen Widersacher, der allerdings so unbedeutend ist, dass ich es mir spare, ihn nachzuschlagen. Mugabe steht nun vor dem ironischen Dilemma, dass er Wahlen abhalten möchte, ihm das aber als undemokratisch ausgelegt wird, obwohl es aus seiner Sicht doppelt Sinn macht, weil er nach den von Gewalt- und BetrugsvorwĂŒrfen ĂŒberschatteten vergangenen UrnengĂ€ngen ein ziemliches Legitimationsdefizit hat und der politische Gegner derzeit eben so herrlich zerstritten ist. Die Regierung der Nationalen Einheit blockiert sich außerdem permanent selbst, was der Entwicklung des Landes auch nicht unbedingt zutrĂ€glich ist.

Und dennoch hat sich Simbabwe – unbeachtet von meiner auf Krisen fixierten Berufsgruppe – langsam wieder aufgerappelt. Ich vernehme das unregelmĂ€ĂŸig von Simbabwern, die zurĂŒckkehren wollen, die erzĂ€hlen wie ihre Familien sich neue Existenzen im Land aufbauen oder wie erleichtert sie ĂŒber das Ende der Inflation sind. Die wohl vielsagendste Szene war neulich ein GesprĂ€ch zwischen meinem ehemaligen Fußballtrainer, den ich in Walmer Township besucht hatte und einem Herrn in seinem Pick-up, der sich gerade auf den Weg zurĂŒck nach Simbabwe machen wollte. Die beiden kannten sich aus dem Township. „Es ist jetzt besser“, sagte der Simbabwer nur knapp ĂŒber den Zustand in seiner Heimat, „und die Bildung fĂŒr die Kinder ist auch besser.“ Das sind wohlgemerkt alles Exilanten und nicht irgendwelche regimetreuen Kader. Doch die Aussage hat noch eine zweite Dimension: Ich hatte den Tag ĂŒber gerade ĂŒber die Bildungskrise in SĂŒdafrika recherchiert, wo der PrĂ€sident alljĂ€hrlich in seiner Rede an die Nation die Lehrer auffordert wenigstens sieben Stunden tĂ€glich zu arbeiten und pĂŒnktlich im Klassenzimmer zu sein. Er tut das, weil viele ganze Tage ĂŒber gar nicht aufschlagen. Und die Lehrer tun das, weil die Arbeitsbedingungen katastrophal sind. Das arme Simbabwe scheint da den Wandel geschafft zu haben, fĂŒr den das reiche SĂŒdafrika nicht einmal ein stichhaltiges Konzept hat. Vielleicht hört man auch deswegen so wenig von der dortigen Opposition, denn deren Berater waren auch seit jeher SĂŒdafrikas Berater und die predigen globale Marktorientierung und Privatschulen.

Neulich hat es aber doch mal wieder eine MDC-Politikerin international in die Medien geschafft. Priscilla Misihairabwi-Mushonga, GeneralsekretĂ€rin der MDC-N (so heißen die also), forderte MĂ€nner der eher oppositionellen Ndebele-Minderheit auf, ihre Frauen mit einem Sex-Boykott zu belegen, wenn sie nicht durch den ĂŒblichen Tintenfleck auf dem Finger belegen können, bei der Wahl gewesen zu sein.  Ein Termin steht zwar noch nicht fest, aber es ist doch beruhigend, dass wenigstens die Gegner dieses Wahlen fordernden Demokratiefeindes Mugabe das Konzept von freien Abstimmungen verstanden haben.

Aufgetaucht

17. Januar 2012 – 16:52

Nach einem steinpilzreichen Weihnachtsfest begann das neue Jahr mit einem Skandal (auch wenn der eigentlich schon in 2011 angekĂŒndigt war). Die sĂŒdafrikanische Fischereibehörde hat die Saison fĂŒr Hobby-Langustenfischer wie mich drastisch eingeschrĂ€nkt. Durfte man in vergangenen Jahren noch bis in den April zwischen den Unterwasser-Felsspalten nach leckeren Krustentieren suchen, ist dieses Jahr mit Ausnahme des Osterwochenendes schon am 15. Januar Schluss. Die Lizenz ist natĂŒrlich trotzdem teurer geworden.

Der Blick aus dem Zelt am Weihnachtsmorgen.

Ein wahrlich frohes Fest fĂŒr PilzverrĂŒckte…

Um dieser drakonischen EinschrĂ€nkung meiner LebensqualitĂ€t ein deutliches Schnippchen zu schlagen, war ich also in den vergangenen zwei Wochen mehr unter der WasseroberflĂ€che als darĂŒber zu finden. Einzig und allein, um fĂŒr reichlich Nahrung im Haus zu sorgen natĂŒrlich, auch wenn so mancher Tauchgang schon noch das ein oder andere Extra-Schmankerl zu bieten hatte.

Die FanggrĂŒnde als Suchbild.


Beim genaueren Betrachten zeigen sich meine neuen Freunde.

Neben zwei Robben besuchte mich einmal gar ein ganzer Schwarm Delfine, einige davon waren so neugierig, dass ich sie hĂ€tte berĂŒhren können, aber das war mir dann doch nicht ganz geheuer. So ein Delfin hat doch auch ein relativ großes Maul und ist ĂŒberhaupt wesentlich wendiger und schneller im Wasser als ich das von mir behaupten wĂŒrde. Auch die Robben habe ich in Ruhe gelassen, zumal ich deren Gesellschaft wegen ihrer Haupt-Fressfeinde sowieso nicht sonderlich schĂ€tze.

Der Fang des Tages – oder eine gute Paella.

Wesentlich mehr Euphorie lösten neben den erwĂ€hnten Langusten außerdem die geheimnisvollen Oktopoden, von denen einer ebenfalls den Weg in meinen Kochtopf fand, sowie etliche Arten von Seeschnecken, Pocken und Muscheln aus, die sich alle hervorragend in allerlei MeeresfrĂŒchte-Gerichten machen. Nachdem die Pilze den Anfang gemacht haben, erreicht meine Selbstversorgung also ein neues Niveau. Weil die Vermieter die Erzeugnisse ihres Obst- und GemĂŒsegartens teilen und sogar hin und wieder ein paar Eier der mit MeeresfrĂŒchte-Resten dick gefĂŒtterten HĂŒhner verschenken, brauche ich eigentlich nur noch eine Kuh fĂŒr die Sahne und ein Getreidefeld fĂŒr die Nudeln, dann wĂ€re die Sache rund.  Bis es soweit ist, werde ich meiner alten Schreiberlings-Profession allerdings noch ein wenig nachgehen, um die kleinen ErnĂ€hrungszusĂ€tze gegen Bares zu tauschen. Zumal mich der eingangs angeprangerte Langusten-Skandal ja sowieso stark in meinem JĂ€ger-und-Sammler-Sein einschrĂ€nkt. Mitleidsbekundungen fĂŒr mein hartes Leben bitte in die Kommentare.

Vier Tage wach!

23. Dezember 2011 – 10:18

So, es ist Festive Season und ich kann fast froh sein, dass wir umziehen, weil ich sonst bald gar nichts zu tun hĂ€tte. Kein Mensch lĂ€sst sich noch interviewen, kein BĂŒro ist noch besetzt und selbst der Herr, der fĂŒr die ordnungsgemĂ€ĂŸe DurchfĂŒhrung des Sommers zustĂ€ndig ist, scheint verreist.

Das dĂŒrfte immerhin der diesjĂ€hrigen Pilzausbeute zugutekommen, ich werde da in den nĂ€chsten Tagen mal nachsehen. GenĂŒgend feiertĂ€gliche Zeit habe ich zumindest, denn der glorreiche Vize-PrĂ€sident SĂŒdafrikas, Kgalema Motlanthe, hat in Abwesenheit seines Bosses mal fix einen Antrag der Gewerkschaften auf einen zusĂ€tzlichen Feiertag durchgewunken. Und das geht so:

SĂŒdafrika hat seit jeher die feine Regelung, dass jeder Feiertag, der auf einen Sonntag fĂ€llt, landesweit einen freien Montag nach sich zieht. Da einer neulich veröffentlichten, mir nicht ganz geheueren Studie 10 Prozent der SĂŒdafrikaner sowieso am Montagmorgen noch betrunken sind, löst das nicht einmal grĂ¶ĂŸeren Protest der WirtschaftsverbĂ€nde aus. Nun gibt es zum Wiegenfest von Jack Daniels, Ă€h Jesus, 2011 die bis kurz vor Schluss unvorhersehbare Sonderkonstellation, dass der auf einen Feiertag fallende Montag ebenfalls ein Feiertag ist.

Kopfzerbrechen in der Regierung. Der Katastrophenschutz wird einberufen. Astronomische Gutachten werden befragt. PrÀsident Jacob Zuma flieht in seinen unterirdischen Bunker in Nkandla, die Katastrophe scheint nah. Der Fall ist so heikel, dass selbst die Dauer-Nörgler von der Democratic Alliance keinen Kommentar abgeben.

Doch dann kommt der Super-Vize und gibt einfach den Dienstag auch noch frei. Vier Tage Weihnachten, South African Breweries soll GerĂŒchten zufolge bereits die Gewinnerwartungen nach oben korrigieren und ich wĂŒnsche entsprechend auch Frohe Weihnachten!