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Am Ende des Regenbogens

7. Dezember 2013 – 13:49

Nachruf. Überzeugter Antirassist, Überwinder der Apartheid und verhinderter RevolutionĂ€r: Mit Nelson Mandela stirbt ein Symbol des Freiheitskampfes in SĂŒdafrika

»Aus der Erfahrung eines außergewöhnlichen menschlichen Unheils, das viel zu lange dauerte, muß eine Gesellschaft geboren werden, auf die die ganze Menschheit stolz sein kann.« Nelson Mandela hatte hohe Ziele, als er 1994 in den monumentalen Union Buildings in Pretoria, SĂŒdafrikas Regierungssitz, als erster schwarzer, von allen BĂŒrgern des Landes gleichberechtigt gewĂ€hlter PrĂ€sident antrat. Seine Rede, abgeschlossen mit den Worten »Gott segne Afrika«, war ein Aufruf zur Überwindung der Apartheid in dem zerrĂŒtteten Land – und auf dem gesamten Kontinent. In SĂŒdafrika markierte der zum Staatschef gewĂ€hlte WiderstandskĂ€mpfer, der 27 Jahre in den Kerkern der rassistischen UnterdrĂŒcker verbracht hatte, das Ende von knapp 350 Jahren Kolonialherrschaft und fast einem halben Jahrhundert Apartheid. Es war der emotionalste Moment der jungen Republik – bis heute.

Der Weg zu Mandelas Vision der Freiheit, von der »Gesellschaft, in der alle SĂŒdafrikaner, Schwarze und Weiße, aufrecht gehen können, ohne Angst in ihren Herzen und ihres unverĂ€ußerlichen Rechts auf MenschenwĂŒrde sicher«, ist noch immer lang. Der VisionĂ€r selbst hat das Ende dieses Weges nicht mehr erlebt. Am Donnerstag abend starb Nelson Rolihlahla Mandela im Alter von 95 Jahren in seinem Haus in Johannesburg. Er erlag einem langen Lungenleiden.

Mandela – so sehr ihm das auch mißfallen haben mag – war fĂŒr viele eine Ikone. Er wurde zum weltweiten Symbol von unbĂ€ndigem Freiheitskampf, unerschĂŒtterlichem Antirassismus und tiefer Menschlichkeit.

Entsprechend groß war die Sorge um den FriedensnobelpreistrĂ€ger, die sich noch vergrĂ¶ĂŸerte als Mandela Mitte des Jahres im Krankenhaus behandelt werden mußte. Er war in seinen spĂ€ten Jahren gesundheitlich schwer angeschlagen. Vor allem anhaltende Lungenleiden, Langzeitfolgen einer wĂ€hrend der Zwangsarbeit im Steinbruch von Robben Island erlittenen Tuberkulose, machten ihm zuletzt zu schaffen. In diesem Jahr war er insgesamt dreimal in einem, anfangs geheimgehaltenen, Krankenhaus behandelt worden.

Es war der spĂ€te Tribut fĂŒr ein entbehrungsreiches Leben im Kampf um die Freiheit, daß Mandela zuletzt nur noch stark zurĂŒckgezogen lebte. In der Öffentlichkeit ließ er sich seit dem Finale der Fußballweltmeisterschaft im Juli 2010 in Johannesburg nicht mehr sehen. Schon damals mußte ihn seine Frau Graça Machel, die Witwe des mosambikanischen FreiheitskĂ€mpfers und StaatsprĂ€sidenten Samora Machel, zum Winken animieren. Aus der aktiven Politik hatte sich Mandela, der SĂŒdafrika als PrĂ€sident nur eine Amtszeit von 1994 bis 1999 dienen konnte, da ohnehin lĂ€ngst verabschiedet.

Das Interesse am Vater der sĂŒdafrikanischen Regenbogennation war allerdings auch nach dessen RĂŒcktritt nicht abgeebbt – mit bisweilen negativen Auswirkungen. Zwei Krankenhausaufenthalte Anfang 2011 und Ende 2012 fĂŒhrten – zusammen mit einer chaotischen Informationspolitik des PrĂ€sidialamtes – zu wilden Spekulationen ĂŒber Mandelas Gesundheitszustand. Auf TV-Aufnahmen anlĂ€ĂŸlich seines 94. Geburtstags im Juli 2012 wirkte er gebrechlich und abwesend, bei einem Besuch des StaatsprĂ€sidenten Jacob Zuma im April dieses Jahres gar völlig apathisch und verwirrt. Regungslos saß der sichtbar kranke Greis auf seinem Sofa, als der um positive Schlagzeilen bemĂŒhte Zuma erfolglos nach seiner Hand griff. Mit seiner anschließenden Behauptung, der AltprĂ€sident sei »gut in Form und wohlauf«, machte sich der immer wieder der Korruption bezichtigte Politiker des Afrikanisches Nationalkongresses (ANC) vor dem Hintergrund der Fernsehbilder förmlich lĂ€cherlich. Viel Vertrauen schenkten die SĂŒdafrikaner den offiziellen Beruhigungsbotschaften ohnehin nicht mehr. In sozialen Netzwerken wurden bereits mehrere Male in den vergangenen Jahren falsche Nachrichten vom Tod Mandelas verbreitet.

Radikalisierung seines Kampfes

Geboren unter dem Namen Rolihlahla am 18. Juli 1918 in Mvezo, einem kleinen Dorf in der heutigen Provinz Ostkap, ging Mandela als erstes Mitglied seiner Familie zur Schule. Von seiner Lehrerin bekam der zur Volksgruppe der Xhosa gehörende Junge dort seinen englischen Namen Nelson – eine Standardmaßnahme, die beispielhaft fĂŒr die GeringschĂ€tzung der afrikanischen Kulturen durch die Kolonialisten stand. Mandela, der damals schon große TrĂ€ume hatte, entwuchs dem traditionellen lĂ€ndlichen Leben schnell. SĂŒdafrikas berĂŒhmtester Karikaturist Jonathan Zapiro hat die Entwicklung 1998 am treffendsten dargestellt. In seiner Zeichnung sitzt der junge Mandela in einem kleinen Klassenraum in der ersten Reihe. Draußen grast eine Kuh vor vier RundhĂŒtten, an der Tafel steht die Frage »Was will ich werden?« – und die verblĂŒffte Lehrerin liest dem herbeigerufenen Direktor Mandelas Antwort vor: »Rechtsanwalt, Aktivist, FreiheitskĂ€mpfer, politischer Gefangener, PrĂ€sident, Versöhner, Nationenerbauer, VisionĂ€r und Ikone des 20. Jahrhunderts.« Eins hatte der KĂŒnstler allerdings vergessen: Mandela war auch ein wichtiger Verfechter afrikanischer Einheit. Seinen ersten Freund aus einer anderen Volksgruppe, der der Sotho, traf Mandela 1937 auf dem College in Fort Beaufort. Es war fĂŒr ihn der erste kleine Schritt zu einer schwarzen Einheit, die die Kolonialisten und spĂ€ter die Herrschenden des rassistischen Apartheidsystems zu unterdrĂŒcken versuchten. FĂŒr Mandela war das der persönliche Anfang eines langen Weges, der in der Vernetzung der Freiheitsbewegungen des Kontinents mĂŒnden sollte.

1941 entfloh Mandela einer arrangierten Heirat, ging in die hektische Wirtschaftsmetropole Johannesburg, arbeitete zunĂ€chst als Wachmann einer Mine und studierte schließlich Jura. WĂ€hrend seiner Zeit an der dortigen UniversitĂ€t Witwatersrand lernte er spĂ€tere SchlĂŒsselfiguren des Antiapartheidkampfes wie Joe Slovo kennen und arbeitete schließlich in einer Gemeinschaftskanzlei mit Oliver Tambo, dem spĂ€teren langjĂ€hrigen PrĂ€sidenten des ANC, den auch Mandela noch prĂ€gen sollte. In der »Stadt des Goldes« traf Mandela auch erstmals Mitglieder der Kommunistischen Partei SĂŒdafrikas, wohnte deren Versammlungen bei, sah die Konflikte in SĂŒdafrika aber selbst mehr als Rassen- denn als KlassenkĂ€mpfe. Obwohl der junge Anwalt ursprĂŒnglich AnhĂ€nger eines gewaltlosen Widerstands war, engagierte er sich 1943 federfĂŒhrend bei der GrĂŒndung der radikaleren ANC-Jugendliga. Mandela wurde Mitglied des Exekutivkomitees unter deren erstem PrĂ€sidenten Anton Lembede und teilte dessen Ablehnung eines Weiße einschließenden Widerstands – trotz seiner Freundschaften mit weißen Kommunisten.

Diese Einstellung Ă€nderte sich, als sich Mandela ab den 1950er Jahren immer mehr an kommunistische Ideale annĂ€herte, Marx und Engels las und federfĂŒhrender Verfasser der Freiheitscharta wurde. »Der Reichtum an Mineralien unter der Erde, die Banken und die Monopolindustrie sollen in den Besitz des Volkes als ganzem ĂŒbergehen«, heißt es in dem 1955 verabschiedeten Leitdokument des ANC. Dessen heutige FĂŒhrung findet darin allerdings keinen Ansatz fĂŒr eine Verstaatlichung der Minen, und auch Mandela sah sich zeitlebens mehr als ein auf die Einheit Afrikas konzentrierender RevolutionĂ€r und weniger als Kommunist.

Dennoch radikalisierte sich sein Kampf. Aus Demonstrationen wurde ziviler Ungehorsam, den die Schergen des Apartheidstaates jedoch brutal unterdrĂŒckten. Vielen Schwarzen reichten symbolische Aktionen gegen die UnterdrĂŒcker deshalb bald nicht mehr. Der ANC drohte seinen Einfluß unter den UnterdrĂŒckten an militantere Gruppen zu verlieren – und mußte handeln. Schließlich – nach dem Massaker von Sharpeville 1960, bei dem die Polizei 69 Demonstranten erschossen hatte – wurde Mandela GrĂŒndungsmitglied des Umkhonto we Sizwe, des »Speers der Nation«. Der bewaffnete Arm des ANC verĂŒbte Sabotageakte und BombenanschlĂ€ge gegen staatliche Infrastruktur. Doch seine GrĂŒndungszelle flog schnell auf. Im Rivonia-Prozeß der Jahre 1963 und 1964 drohte Mandela die Todesstrafe. Das Schlußwort seiner Verteidigungsrede schmĂŒckt heute MuseumswĂ€nde: »Ich habe gegen weiße Vorherrschaft gekĂ€mpft, und ich habe gegen schwarze Vorherrschaft gekĂ€mpft. Ich habe das Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft gehegt, in der alle Menschen in Harmonie und mit gleichen Möglichkeiten zusammenleben. Es ist ein Ideal, fĂŒr das ich hoffe zu leben und das ich zu erreichen hoffe. Aber wenn es sein muß, ist es ein Ideal, fĂŒr das ich zu sterben bereit bin.« Mandela ĂŒberlebte mit seiner Hoffnung, trotz der Verurteilung zu lebenslanger Haft, trotz der brutalen Zwangsarbeit im Steinbruch von Robben Island. Auf dem berĂŒhmt-berĂŒchtigten Eiland vor der malerischen Kulisse Kapstadts fĂŒhren heute ExhĂ€ftlinge Touristen durch die winzigen Zellen.

Neoliberaler Politikkurs

Mandela blieb seinen Idealen treu, auch – und das ist womöglich sein grĂ¶ĂŸter Verdienst – nach der Befreiung. »Wir haben extra einen grĂŒnen Toyota Crescida aufgetrieben, weil Mandela einen großen Mercedes nicht akzeptieren wollte«, erinnert sich Faizel Moosa, der damalige Sicherheitschef des ANC in der Region um Kapstadt, im GesprĂ€ch mit junge Welt an die Freilassung Mandelas im Februar 1990. In diesem einfachen Wagen fuhr er ihn schließlich zur Grand Parade in der Innenstadt, wo ein unerschrockener Mandela seine AnhĂ€nger aufrief, »den Kampf an allen Fronten zu intensivieren« und ausdrĂŒcklich auch den bewaffneten Widerstand als »pure Verteidigungsaktion gegen die Gewalt der Apartheid« bezeichnete.

Die Zeit der Verhandlungen hatte allerdings lĂ€ngst begonnen. Schon lange vor Mandelas Freilassung trafen sich insgeheim auf britischem Boden ANC-GrĂ¶ĂŸen um seinen spĂ€teren Nachfolger als StaatsprĂ€sident, Thabo Mbeki, mit Vertretern aus Wirtschaft und politischem Establishment SĂŒdafrikas. Sie legten die Richtlinien fĂŒr den Übergang in eine von Apartheid befreite Gesellschaft fest. Als Mandela vom KapstĂ€dter Rathausbalkon rief, daß »Verhandlungen nicht ĂŒber die Köpfe unseres Volkes hinweg oder hinter seinem RĂŒcken« stattfinden könnten, war genau das lĂ€ngst geschehen.

Was nach der ersten freien Wahl 1994 und dem grandiosen Sieg Mandelas folgte, war daher nicht das »bessere Leben fĂŒr alle«, das sein ANC ĂŒberall im Land auf Wahlplakaten versprochen hatte. Marktliberalisierungen, Einschnitte bei BeschĂ€ftigtenrechten und Arbeitsplatzverluste nach Anwendung der »Allheilmittel« des Internationalen WĂ€hrungsfonds und der Weltbank prĂ€gten die Wirtschaftspolitik des ANC. Hatte die Partei nach dem Wahlerfolg 1994 noch ihren Wiederaufbau- und Entwicklungsplan (RDP) zur Leitlinie einer sozialdemokratischen Wirtschaftspolitik gemacht und versucht, die staatliche medizinische Versorgung, das Bildungswesen und den sozialen Wohnungsbau voranzutreiben, schwenkte die Regierung Mandela bereits ab 1996 auf das marktradikale Programm »Wachstum, Arbeit und Umverteilung« (GEAR) um. Umverteilt wurde vor allem in eine Richtung: nach oben. Die Schere zwischen Arm und Reich ging folglich weiter auseinander. Importschranken fielen, ganze Wirtschaftszweige, wie die Textilindustrie, wurden zerstört, mehr als eine Million Menschen entlassen. Zwischen 1996 und 2000 stieg die Arbeitslosenquote in SĂŒdafrika von 19,3 auf 23,3 Prozent. Effektiv verscherbelte der als revolutionĂ€re Bewegung angetretene ANC innerhalb kĂŒrzester Zeit den Staatsbesitz der ApartheidĂ€ra mit großangelegten Privatisierungskampagnen an nationale und internationale Großkonzerne.

Ziel: Keine rassistischen Grenzen

Doch die Wut darĂŒber zog weitestgehend Thabo Mbeki, ab 1994 Vize- und ab 1999 StaatsprĂ€sident, auf sich. Mandela blieb die Freiheitsikone, zu der ihn der ANC und die globale Antiapartheidbewegung ĂŒber Jahrzehnte aufgebaut hatten. Realpolitisch war auch Mandela kein Zauberer, aber er vollbrachte es, das zur weltweiten Identifikation mit den unterdrĂŒckten SĂŒdafrikanern aufgebaute Bild von einem Helden mit Leben zu fĂŒllen. 1993 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, wurde Mandela den hohen Ehren auch in den Folgejahren gerecht mit seiner ĂŒberragenden Rolle bei der Aussöhnung der entlang der rassistischen Trennlinien gespaltenen sĂŒdafrikanischen Gesellschaft.

Nur ein Jahr nach seiner Wahl ins PrĂ€sidentenamt avancierte er zum grĂ¶ĂŸten Fan der Rugby-Nationalmannschaft, dem Team der Weißen, das vor heimischer Kulisse sensationell die Weltmeisterschaft gewann. »Nie, nie und nie wieder soll dieses wunderschöne Land noch einmal die UnterdrĂŒckung des einen durch den anderen erfahren und die Erniedrigung erleiden, das Stinktier der Welt zu sein«, hatte Mandela bei seiner Vereidigung gesagt. Er meinte es ernst. Er wollte der PrĂ€sident aller SĂŒdafrikaner sein. Sein Ziel war es, das Land ĂŒber rassistische Grenzen hinweg zu einen. Im Film »Invictus« setzte ihm Hollywood dafĂŒr ein spĂ€tes Denkmal. »Mandela ist etwas zu weit gegangen mit seinen guten Taten fĂŒr die nichtschwarzen Gemeinschaften, in einigen FĂ€llen war er zu gut, zu sehr wie ein Heiliger«, resĂŒmierte dagegen Simbabwes PrĂ€sident Robert Mugabe, ein alter VerbĂŒndeter aus dem antiimperialistischen Kampf, in einem Interview mit Dali Tambo, Sohn des ehemaligen ANC-PrĂ€sidenten.

Die Streitfrage in der historischen Bewertung der wirtschafts- und sozialpolitischen Errungenschaften unter der Regierung Mandelas bleibt die nach seinem Handlungsspielraum. Aufgebaut hat er einen Sozialstaat, der auf dem afrikanischen Kontinent seinesgleichen sucht. Mehr als drei Millionen HĂ€user haben die ANC-Regierungen seit 1994 in den Townships des Landes bauen lassen und kostenfrei an Familien ĂŒbergeben, die zuvor in WellblechhĂŒtten wohnten. Arme SĂŒdafrikaner haben heute ein Anrecht auf Kindergeld, Alters- und Invalidenrente sowie freien Zugang zu Strom und Wasser – auch wenn es Kritik an den geringen Zuteilungsmengen gibt. Zum Gesundheits- und zum Bildungswesen, die vor 1994 nur neun Prozent der Bevölkerung dienten, haben heute alle SĂŒdafrikaner Zugang.

Und dennoch: Die Unterschiede zwischen der privaten medizinischen Versorgung der Reichen und den staatlichen KrankenhĂ€usern sind enorm. Die Ergebnisse der allermeisten Schulen in den Townships und ehemaligen Homelands, in die die Schwarzen verbannt wurden, hinken weit hinter denen der vormals weißen Eliteeinrichtungen her. Die krassen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten der sĂŒdafrikanischen Gesellschaft haben weder Mandela noch seine Nachfolger behoben – im Gegenteil, der statistische Gini-Koeffizient, der das Maß der Ungleichverteilung von Wohlstand bezeichnet, ist heute noch höher als 1994 und weltweit kaum ĂŒberboten.

Das Scheitern der sĂŒdafrikanischen Revolution hat mit dem VerwĂ€ssern der Freiheitscharta zu tun. Sie wird innerhalb des ANC inzwischen so frei interpretiert, daß sie jegliche progressive Kraft verloren hat: mit der sklavenhaften Investorenfreundlichkeit sĂ€mtlicher Regierungen seit Mandela und der de facto verhinderten Landreform, bei der das Prinzip »williger KĂ€ufer, williger VerkĂ€ufer« einer nennenswerten Umverteilung der AnbauflĂ€chen im Wege steht. Zugegeben hat Mandela nach seinem RĂŒcktritt vom PrĂ€sidentenamt 1999 nur seine Fehler bei der Reaktion auf die AIDS-Epidemie, die Millionen SĂŒdafrikaner das Leben kostete.

Die Tatsache, daß ein schwarzes Kind in SĂŒdafrika heute immer noch fĂŒnfmal niedrigere Chancen hat, einmal an einer UniversitĂ€t zu studieren, oder den Fakt, daß ein weißer Haushalt inzwischen sechsmal soviel Einkommen hat wie ein schwarzer – all das begrĂŒnden die MĂ€chtigen der Regenbogennation bis heute mit dem schweren Erbe der Apartheid. Doch so sehr das strukturell begrĂŒndet sein mag, so deutlich wirft es eben auch die Frage auf, wie mĂ€chtig SĂŒdafrikas Regierung ĂŒberhaupt ist.

Erbe fĂŒr einen zerstrittenen ANC

Nelson Mandela verdankte seine Freilassung und seinen Aufstieg ins PrĂ€sidentenamt nicht dem militĂ€rischen Sieg des ANC, sondern einer Mischung aus internationalem Druck und dem kubanischen Engagement auf seiten der namibischen Befreiungsfront SWAPO in SĂŒdangola, die das Apartheidregime zum EinstĂŒrzen brachte. Dazu kam die Einsicht der Konzerne, daß in einem SĂŒdafrika ohne brennende Barrikaden in den Townships mehr Profit zu machen war. Das Ergebnis war eine Verhandlungslösung, die den ANC – der ohnehin den antirassistischen Kampf als kleinsten gemeinsamen Nenner eines breiten BĂŒndnisses hatte – wirtschaftspolitisch stark einschrĂ€nkte.

Mandela blieb so ein verhinderter RevolutionĂ€r, ein unermĂŒdlicher VorkĂ€mpfer einer antirassistischen Gesellschaft, ein moderater, international hoch angesehener Staatsmann, aber keiner, der einer radikalen Umverteilung das Wort reden konnte. Die historischen Erfolge seiner Amtszeit sind daher schwer in Zahlen meßbar. Zu Mandelas Verdiensten zĂ€hlen die StabilitĂ€t, die SĂŒdafrika heute genießt, und die Tatsache, daß das Land die friedliche Transition von einer menschenverachtenden, rassistischen Minderheitenherrschaft hin zur Demokratie vollbracht hat. In seine Versöhnungspolitik fielen auch die Prozesse der Wahrheits- und Versöhnungskommissionen. Die gewĂ€hrten zwar noch dem brutalsten Knecht des alten Regimes Straffreiheit, wenn er den Angehörigen der Opfer offenlegte, was passiert war – aber die Verfahren schlossen pragmatisch tiefe Wunden in einer bis heute noch immer zerrissenen Gesellschaft. Mandela war kein RĂ€cher, er ist der prinzipientreue VisionĂ€r geblieben, der schon seine Grundschullehrerin verblĂŒfft hatte.

In SĂŒdafrika hinterlĂ€ĂŸt er ein enormes moralisches Erbe, das seine Nachfolger im zerstrittenen und von Vetternwirtschaft, Machtmißbrauch und Korruptionsskandalen erschĂŒtterten ANC derzeit nicht im entferntesten wĂŒrdigen können. Wie kein zweiter PrĂ€sident wurde Madiba, wie ihn seine Landsleute nach seinem Clan-Namen nennen, von allen SĂŒdafrikanern, Weißen wie Schwarzen, verehrt und geliebt. Als zuletzt stiller, aber dennoch dauerhaft charismatischer, moralischer Fixpunkt wird er dem Land, seinen Menschen und natĂŒrlich dem ANC fehlen. In ihrer Trauer um den außergewöhnlichen Staatsmann ist die Regenbogennation nun tatsĂ€chlich einmal vereint. Mandela hĂ€tte es verdient, daß sie es auch bleibt, wenn die TrĂ€nen getrocknet sind.

Erschienen am 7. Dezember 2013 in der jungen Welt.