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Der lange Weg zur Bildung

16. Juni 2016 – 11:08

Vor 40 Jahren gingen SĂĽdafrikas SchĂĽlerInnen gegen das Apartheidregime auf die Strasse. Ihr Kampf fĂĽr freie und gleiche Bildung ist auch heute noch aktuell. Eine Reportage aus Soweto

Das Foto des sterbenden Hector Pieterson, getragen von einem Mitschüler, ging um die Welt. Der 13jährige wurde zum Symbol für die Brutalität des Apartheidregimes in Südafrika, das Wahrzeichen eines rassistischen Staates, der selbst auf Kinder schiessen liess. An jenem 16. Juni 1976 musste der Fotograf Sam Nzima seinen Film an der Polizei vorbei aus Soweto schmuggeln, nach der Veröffentlichung des Bilds wurde er jahrelang vom Geheimdienst drangsaliert. Heute, 40 Jahre später, steht das Porträt der dunkelsten Stunde Südafrikas in Überlebensgrösse unweit der Stelle, an der Pieterson damals getötet wurde. Dahinter symbolisieren dicht gepackte Mauern aus Steinplatten den Zusammenhalt der Protestierenden. Verfugt sind die Steine nicht. „Die Lücken“, sagt Phillip Malepa, „symbolisieren die bis heute fehlenden Informationen über die Kinder, die gefoltert und getötet wurden“.

Malepa, der heute als Tourguide auf einem dreistündigen Rundgang TouristInnen durch Soweto führt, ist selbst ein Kind des „Struggle“, des Kampfes gegen die Apartheid. Geboren wurde der jugendlich-lässig wirkende 28jährige in Botswana. Seine Eltern hatten sich dort dem „Speer der Nation“ angeschlossen, uMkhonto we Sizwe, dem bewaffneten Arm des African National Congress (ANC). Erst als die Partei Nelson Mandelas 1990 wieder legalisiert wurde und die Verhandlungen zur Beendigung der Apartheid begannen, kamen sie zurück nach Südafrika, an den Rand der Metropole Johannesburg, in die South Western Townships, Soweto. Als sich am 27. April 1994 überall im Land lange Schlangen von Menschen aufreihten, die erstmals in ihrem Leben bei einer demokratischen Wahl ihre Stimme für ihre Kandidaten abgeben durften, hatte Malepa gerade seine Schullaufbahn begonnen. Seine Mutter war ein Jahr zuvor an Krebs gestorben, ihr Sohn aber sollte die Freiheit erleben. Es war eine Zeit der Ungewissheit, aber vor allem des Aufbruchs. „Ein besseres Leben für alle“ hatte der bis heute regierende ANC im Wahlkampf versprochen. Doch so schnell liess sich das nicht realisieren. Malepas Vater war unzufrieden mit den Zuständen an der Schule in Soweto und schickte seinen Sohn schliesslich zur High School in die Innenstadt. Nach dem Abschluss dort blieb ihm der Weg an eine Universität verwehrt. Das Geld reichte nicht aus. Der Kampf, der 1976 begann, ist bis heute nicht vorbei.

„Wenn wir von Studiengebühren reden, die fallen müssen, dann reden wir über schwarze Menschen. Denn die überwiegende Zahl der Leute, die in diesem Land keinen Zugang zu einem Studium haben, sind junge Schwarze, nicht junge Weisse“, sagt der Studentenaktivist Tatho Magano von der Johannesburger University of the Witwatersrand. Und die Zahlen der staatlichen Statistikbehörde Statistics South Africa geben dem Afrikanische-Literatur-Studenten recht: Im Jahr 2014 waren lediglich 3,4 Prozent der 18- bis 29-jährigen Schwarzen an einer Universität eingeschrieben. Bei den Weißen waren es in der gleichen Altersgruppe 23,3 Prozent.

Als die Universitäten Ende vergangenen Jahres eine erneute Erhöhung der Studiengebühren ankündigten, weil die Regierung ihnen die Zuschüsse kürzen wollte, kam es zum Protest. „Fees must fall“, die Gebühren müssen weg, lautet seither die Parole an Südafrikas Hochschulen. Nach wochenlangen Streiks wurden die Erhöhungen zwar rückgängig gemacht, doch die StudentInnen wollen mehr. Die Mainstream-Medien würden den Protest meist auf den Kampf gegen die Gebühren reduzieren, klagt Magano, ein schmächtiger Endzwanziger in engen Stoffhosen und dickem Kapuzenpullover, der zum Interview in ein Campus-Café in der Innenstadt gebeten hat. „Die Gebühren sind das einfachste Thema. So kann man unangenehme Diskussionen über die grösseren Probleme vermeiden, die die StudentInnenbewegung an die Oberfläche bringt, über Dekolonialisierung, über die Ausbeutung von Schwarzen, über die Landfrage.“ Doch den StudentInnen geht es genau um diese Zusammenhänge: Um Widerstand gegen die Tendenz, Bildung in einer mehr und mehr neoliberalen Gesellschaft als Ware zu betrachten. Und um den Kampf gegen die damit einhergehende Ausbeutung von – in aller Regel schwarzen, land- und kapitallosen – ArbeiterInnen auf dem Campus, deren Stellen outgesourct wurden, um den Preis ihrer Arbeit zu drücken. Die Gebührenfrage, sagt Magano, sei nur ein Zugang, um eine grössere Kampagne aufzubauen, ähnlich wie 1976 der Protest gegen die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache.

Die SchĂĽlerInnen, die damals auf die Strasse gegangen waren, hatten vordergrĂĽndig gegen Pläne der weissen Regierung in Pretoria demonstriert, deren Sprache verpflichtend als Unterrichtsmedium einzufĂĽhren. Auch dieser Protest hatte damals praktische GrĂĽnde. „Es gab kaum LehrerInnen, die in der Lage waren, auf Afrikaans zu unterrichten. Dessen ungeachtet, dass es als weitere weisse Zumutung gegen Schwarze gesehen wurde, hätte ein Unterrichten in dieser Sprache praktische Einschränkungen bedeutet“, erklärt Ishmael Mkhabela. Doch schon an seiner Geschichte lässt sich erkennen, dass es um viel mehr ging. Mkhabela, zwei Jahre später GrĂĽndungsvorsitzender der Azanian People’s Organisation, zu der Zeit neben dem ANC die wichtigste Befreiungsbewegung in SĂĽdafrika, studierte 1976 im letzten Studienjahr an der University of the North. Er wollte Lehrer werden und konnte das nur dort, 380 Kilometer nördlich seines Sowetoer Elternhauses in der heutigen Provinz Limpopo. An einer anderen Hochschule durfte er nicht studieren, das Regime in Pretoria wies Schwarzen die Hochschule strikt nach ethnischer Eingruppierung zu. FĂĽr Mkhabela war der Aufstand von 1976 auch Ausdruck des Aufbegehrens gegen dieses System der Gängelung und UnterdrĂĽckung. „Wir waren in Universitäten zweiter Wahl, Schulen zweiter Wahl, Krankenhäusern zweiter Wahl“, sagt er. „Ich glaube, Afrikaans wurde abgelehnt, weil es als politischer Ausdruck der Herrschaft wahrgenommen wurde. Das hat den Widerstand der StudentInnen ausgelöst.“

In Soweto, ein paar Meter neben dem Hector-Pieterson-Bild, erinnert heute ein orange-brauner Monolith an die Opfer des 16. Juni 1976. Von mindestens 600 Toten und tausenden Verletzten ist dort die Rede, auch wenn die genauen Zahlen bis heute umstritten sind. Die SchülerInnen, so steht es auf der Gedenktafel „gaben ihr Leben, damit die Türen des Lernens und der Kultur geöffnet würden und Südafrika frei sein könnte“. Heute sei ihre Vision „in der Verfassung bewahrt“. Malepa hat seine perlweisse Wollmütze abgenommen, auf seiner Stirn liegen jetzt tiefe Falten. Es ist vielleicht eine Stunde her, dass er die riesigen Abraumhalden der Goldminen, die zwischen Soweto und der Innenstadt von Johannesburg liegen, scherzhaft als Fensterjalousien der Weissen bezeichnet hat. Doch vor dem Andenken Hector Pietersons und all der anderen viel zu früh gestorbenen Kinder, versteinert auch er. Was haben sie erreicht? Was ist aus ihrer Vision geworden, nicht auf dem Papier der Verfassung, sondern in der täglichen Realität?

„Hassen“ würde er es, wenn er sagen müsste, die Schüler hätten „ihr Leben umsonst gegeben“, sagt Malepa. Schliesslich habe „unabhängig von der finanziellen Situation heute jedes Kind das Recht auf Bildung, die Möglichkeit zur Schule zu gehen“. Aber es sei eben die Qualität des Unterrichts, „die Stirnrunzeln verursacht“. Keine Frage, die Schulen in Soweto haben sich entwickelt, im ganzen Land wurden neue gebaut, 60 Prozent sind heute gebührenfrei. Diese Schulen seien heute „Orte des Lernens“, unterstreicht Malepa – und schränkt dann doch gleich wieder ein. Denn mit den Standards, die die öffentlichen Schulen anböten, scheine es ihm, „als ob die Regierung immer noch versucht, ArbeiterInnen zu züchten – und nicht ArbeitgeberInnen“. Die Chancen auf eine gute Karriere sind für Sowetos SchulabsolventInnen auch heute noch minimal. Der ANC hat nur einen Teil seines Wahlkampfslogans von 1994 eingehalten. Das „bessere Leben“ gibt es heute, aber nicht „für alle“.

Erschienen am 16. Juni 2016 in der WOZ.