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Nach dem Ausverkauf ist vor dem Aus

30. Oktober 2012 – 06:46

SĂĽdafrikas Bergarbeitergewerkschaft NUM hat das Vertrauen ihrer ungeschĂĽtzt streikenden Mitglieder verloren

Für die konservative, wirtschaftsnahe Tageszeitung war es die “ethische Sache, die getan werden musste“, das für seine analytischen Hintergrundgeschichten angesehene, liberale Online-Magazin Daily Maverick sah dagegen „den wahren Betrug“. Südafrika streitet über Cyril Ramaphosa, 1982 Gründungsgeneralsekretär der National Union of Mineworks (NUM), 2012 Mitglied des Nationalen Exekutivkomitees des regierenden African National Congress (ANC) und gleichzeitig nicht-exekutives Aufsichtsratsmitglied des weltweit drittgrößten Platin-Produzenten Lonmin. Ramaphosa, das wurde in der vergangenen Woche vor der Untersuchungskommission für das Massaker an der Marikana-Mine Lonmins öffentlich, hat seine politischen Kontakte ausgiebig genutzt, um bei Regierung, ANC und Polizeiführung ein „hartes Durchgreifen“ gegen die Streikenden zu erreichen. Einen Tag nachdem Ramphosa seiner Geschäftsführung in der nun öffentlich gewordenen Email mitteilte, sich für „begleitende Aktionen“ der Staatsmacht gegen die „kriminellen“ Streikenden eingesetzt zu haben, waren 34 Kumpel tot. Erschossen von der Polizei, mehr als die Hälfte von ihnen von hinten. Noch einen Tag später, am 17. August, zeigte sich Ramaphosa schockiert vor Ort und versprach umgerechnet knapp 200.000 Euro für die Beisetzungen bereitzustellen. Doch es ist eine andere Beerdigung, die Südafrika derzeit wesentlich mehr beschäftigt: die der NUM, einst die mitgliederstärkste Gewerkschaft des Landes, selbst. Ramaphosa ist nur die tragisch-zynische Symbolfigur.

Ramaphosa ist aufgestiegen zum Milliardär und Geschäftsmann, doch für viele Arbeiter in Südafrika ist er eben auch immer noch der Arbeiter, der sich aufschwang um in den finstersten Apartheidzeiten eine Gewerkschaft der schwarzen Bergleute zu gründen, die innerhalb nur eines Jahres die Verhandlungshoheit an den wichtigsten Minen des Landes erkämpft hatte. Das Heldenbild Ramaphosas hat seit Jahren Risse bekommen. Als seine Investmentfirma Shanduka Resources vor drei Jahren 50,03 Prozent von Incwala Resources, der Black-Empowerment-Tochter Lonmins, übernahm und dabei den Trust der Gemeinschaft von Marikana ausstach, schlug das noch kaum Wellen. Auch Ramaphosas Entscheidung im vergangenen Jahr McDonalds Südafrika zu übernehmen, verursachte nur vereinzeltes Augenbrauenzucken. Im April dieses Jahres sorgte er dann für Schlagzeilen, als er bei einer Auktion knapp zwei Millionen Euro für einen Wasserbüffel bot, eine Aktion für die er sich nach dem Marikana-Massaker sogar öffentlich entschuldigte. Zu spät. Doch die Debatte dreht sich längst nicht mehr um teure Tiere, sondern um Reichtum, Armut, Verrat und Mord. Sie dreht sich um Menschen wie NUM-Präsident Frans Baleni, der sein Jahresgehalt jüngst auf rund 140.000 Euro jährlich verdoppeln durfte und den Arbeitern, die er vorgibt zu vertreten und denen er vorhält, dass sie mit Forderungen nach 1.200 Euro Monatslohn den Fortbestand der Bergbauindustrie in Südafrika gefährden würden. Es geht um Unternehmensboni für Gewerkschafter, für schönere Häuser und Autos von Betriebsräten und im Kern um die fortbestehende Ablehnung der noch immer mandatstragenden NUM, die Lohnforderungen und in der Konsequenz den Streik ihrer (Ex-) Mitglieder zu unterstützen.

Wie der Daily-Maverick-Journalist Jared Sacks vor Ort in Marikana aufdeckte, waren es NUM-Mitglieder, die den Streik in Marikana begannen. Und es waren NUM-Funktionäre, die auf die zu diesem Zeitpunkt noch unbewaffneten NUM-Bergarbeiter schossen, als diese sie auffordern wollten, ihre Forderungen nach mehr Lohn endlich an die Geschäftsführung zu tragen. Die ersten zwei Toten von Marikana waren direkte Opfer ihrer eigenen Gewerkschaftsführung. Danach kamen die Speere und Macheten zum Vorschein, die die Bilder von den Demonstrationen dominierten. Danach liefen die Arbeiter zur kleineren Konkurrenzgewerkschaft AMCU über. Tödlich waren die Schüsse daher nicht nur für die Bergarbeiter, sondern vor allem für die NUM selbst. Unabhängigen Analysten zufolge dürfte die Gewerkschaft inzwischen mindestens die Hälfte ihrer 300.000 Mitglieder verloren haben. Nach Zahlen des im Februar und März wochenlang bestreikten Platin-Konzerns Impala Platinum in Rustenburg, wo die NUM die Arbeitsniederlegungen ebenfalls nicht unterstützte, gingen die Mitgliederzahlen von ehemals 70 Prozent der Kumpel auf nur noch 13 Prozent zurück.

Für die NUM bedeutet das kontinuierliche, schmerzhafte Niederlagen, so wie am Samstag, als die drei Generalsekretäre der Regierungsallianz aus COSATU, ANC und der Kommunistischen Partei Südafrikas (SACP) in einem von der Polizei mit Tränengas und Gummigeschossen von protestierenden Arbeitern nahezu leer geräumten Stadion vor ein paar Restmitgliedern abgedroschene Parolen von der Arbeitereinheit herunterbeteten. Für die Kumpel bedeutet das Versagen der NUM zunächst eine geschwächte Position gegenüber den Konzernen, aber auch die Aussicht auf eine baldige tatsächliche Arbeitervertretung. Cyril Ramaphosa winkt dagegen im Dezember, pünktlich zum 30. Geburtstag der NUM, die Nominierung zum ANC-Vizepräsidenten unter Jacob Zuma. Wenn alles nach Plan läuft, so sickert es aus höchsten ANC-Kreisen durch, könnte der Arbeiter-Führer von damals den Freiheitskämpfer der Vergangenheit 2019 sogar an der Spitze des Staates beerben – wenn die Zuma-Fraktion des ANC bis dahin nicht ähnlichen Schiffbruch erlitten hat, wie die einst scheinbar unbesiegbare NUM.

Erschienen am 30. Oktober 2012 in junge Welt.