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Die ganze Welt ist eingeladen

26. Mai 2010 – 08:35

SĂĽdafrika fiebert der WM entgegen und bereit sich vor, ein guter Gastgeber zu sein

Drei Wochen vor Turnierstart ist die Stimmung in Südafrika bereits weltmeisterlich. Die Menschen am Kap bringen ihre Geschäftsideen in Position, tragen jeden Freitag ihr Nationaltrikot und bereiten sich auf eine riesige Party vor. Eingeladen ist die ganze Welt.

Den Warnungen des deutschen Auswärtigen Amtes zufolge sollte man bei Sindiswa Veto nicht einmal an der Tür klopfen. Die 32-Jährige vermietet zur Weltmeisterschaft Zimmer in ihrem Wohnhaus – mitten in Walmer Township, einem der verrufenen Armenviertel in der Hafenstadt Port Elizabeth. Die deutsche Mannschaft wird hier ihr zweites Vorrundenspiel gegen Serbien bestreiten. Eine deutsche Freundin und deren Bekannte hat die findige Vermieterin schon einquartiert. Sicherheitsbedenken? „Ich glaube, Kriminalität gibt es überall auf der Welt. Manchmal ist man eben zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Seit ein paar Jahren vermietet sie jetzt schon Zimmer, meist an Freiwillige einer deutschen Bildungsförderungsorganisation oder an internationale Studenten, die das Township kennen lernen wollen. Passiert ist noch nie etwas. „Ich wette mein Leben darauf, dass den Touristen hier nichts passiert“, sagt sie.

Zu Gast im Township

Dass man ihr vertrauen kann, bestätigt Jacob Birkenhäger. Der 23-Jährige aus dem hessischen Bensheim arbeitet als Freiwilliger für ein Jahr bei Masifunde Bildungsförderung, besagtem Verein, der Kindern und Jugendlichen mit Bildungsangeboten zu einer besseren Zukunft verhelfen will. Birkenhäger wohnt selbst im Township bereitet gerade mit einer Gruppe von Neunt- und Zehntklässlern ein WM-Studio im dortigen Jugendzentrum vor. Die gesamte Organisation liegt dabei in den Händen der Jugendlichen. Sie müssen dafür Sorge tragen, dass die Technik steht, organisieren Sänger und Tanzgruppen für das Rahmenprogramm und bauen Verpflegungsstände auf. Eingeladen sind neben der Township-Jugend auch ausdrücklich Gäste von „außerhalb“, die das Township kennen lernen wollen – und Lust haben, gemeinsam auf der Großbildleinwand Fußball zu gucken. Aber da fällt es momentan in Südafrika sowieso schwer, Menschen zu finden, die das nicht wollen.

Freitag ist Trikottag

„Extrem aufregend“ findet Lilly Windvoël die nahenden Weltmeisterschaften. Im Trikot der Nationalelf Bafana Bafana ist sie am vergangenen Freitag in der Innenstadt von Port Elizabeth auf dem Weg zur Arbeit. Mit ihrer Kleiderwahl ist sie bei weitem nicht allein. Denn der letzte Werktag ist in Südafrika „Soccer-Friday“ und da wird landesweit Trikot gezeigt. Karten für die Spiele Portugal gegen Elfenbeinküste und England gegen Slowenien habe sie sich gesichert, erzählt die junge Frau, die in der WM eine große Chance für ihr Land sieht. Für Fortune Hlatshwayo, wie Lilly 23 Jahre alt, bedeutet die WM vor allem „Fun, Fun, Fun“. Er hat eine Karte für das Spiel der Griechen gegen Südkorea und will ansonsten möglichst viele Spiele in einem der Fan-Parks sehen und feiern – „Hauptsache, nicht zu Hause sitzen“. Für die etwas ältere Generation der Südafrikaner bedeutet die WM aber noch mehr als nur eine riesige Party. „Es ist eine bedeutende Leistung, das unser Land sich die Austragung des Turniers gesichert hat, vor allem vor dem Hintergrund der langen Zeit der Unterdrückung durch die Apartheid“, erzählt Fezile Gaushe, 40. „Die WM bedeutet verdammt viel. Wir waren von allen Spielen ausgeschlossen, jetzt sind wir zurück.“ Und sein Kollege Siphiwe Spellman, natürlich auch im Trikot unterwegs, ergänzt: „Unser Land ist sicher, die Leute können kommen und Spaß haben. Die WM wird ein perfektes Event.“

Die WM ist sicher

Das sieht auch Inspektor Johan Raubenheimer von der Polizei Port Elizabeth so. Die massiv aufgestockten Polizeikräfte in den WM-Städten wurden für die WM noch einmal extra geschult. „Wir sind definitiv in der Spur für die WM, wir sind bereit, du kannst ganz Deutschland einladen“, sagt er. An ein Sicherheitsrisiko glaubt auch Thomas Fuchs vom Deutschen Klub in Port Elizabeth nicht. „Einige Sachen wurden in der deutschen Presse übertrieben“, sagt der Paderborner, der 1984 als Küchenchef nach Südafrika kam. „Da wird sich zu sehr auf das Negative besonnen. Die Leute, die hier leben, die wissen, dass es nicht so brutal ist, wie das dargestellt wird.“ In Südafrika sei es „nicht so wie Deutschland, aber auch nicht so wie im Kongo“. Wenn man sich dort aufhalte, wo die meisten Touristen auch sind, sei alles ok, sagt Fuchs. Er selbst wird nur das Spiel der deutschen Elf in Port Elizabeth im Stadion verfolgen, ansonsten ist er mit seinem Job im Deutschen Klub voll ausgelastet. Dort werden die Spiele ebenfalls auf einer Großbildleinwand übertragen, in der Party-Halle soll dann sogar eine Stahlrohrtribüne für 300 Gäste stehen. Fuchs kocht jeden Tag zum Spiel des Tages ein passendes Sonder-Gericht, zum Turnier-Auftakt der DFB-Truppe gibt es Sauerbraten mit Rotkohl und Kartoffel-Knödeln. Doch auch für unsere westlichen Nachbarn hat Fuchs ein kulinarisches Herz. Zur Partie Niederlande gegen Japan bietet er Hering in Apfel-Gurken-Zwiebel-Soße mit Pellkartoffeln an – vielleicht ja auf Wunsch auch als Sushi.

Derlei Gourmet-Schmankerl hat Sindiswa Veto nicht zu bieten, Essen wird sie zu den Spielen aber trotzdem anbieten. Die geschäftstüchtige zweifache Mutter will Fish and Chips am Minibus-Taxibahnhof verkaufen, wenn die Fans zu den Spielen strömen. Direkt am Stadion kann sie ihre Speisen nicht feil bieten, die Fifa beansprucht eine Bannmeile für sich und ihre Werbekunden. Was ihr die WM bedeutet? Veto lacht. „Ich will nicht sagen das es mehr Geschäft heißt, aber ganz im Ernst: Genau das ist es. Die WM bedeutet mehr Arbeit für mich.“ Und trotzdem freut sie sich auch auf die landesweite Party. „Ich freue mich schon so darauf, Bafana Bafana verlieren zu sehen“, sagt sie und lacht dieses Mal noch wesentlich lauter.

Kaum jemand am Kap setzt wirklich viel auf das heimische Team, aber der WM-Vorfreude tut das keinen Abbruch. Über 90 Prozent der Karten sind laut Fifa inzwischen verkauft, vor allem auch, weil die Südafrikaner das mangelnde Interesse aus dem Ausland aufgefangen haben. Die Stadien sind längst fertig. Und die wenigen Straßenbau-Projekte die noch abgeschlossen werden müssen? Die Touristen, die nicht kommen, die Hotelzimmer, die nicht gebucht werden, das Geschäft das womöglich durch die Lappen geht? Geschenkt! Sorgen will in Südafrika keiner mehr hören. Jetzt ist Party-Time und die Zeit, der Welt ein guter Gastgeber zu sein. Für Mutige auch mitten im Township.

Erschienen am 26.5.2010 in Bremen4u.

Die ganze Welt ist eingeladen

SĂĽdafrika fiebert der WM entgegen und bereit sich vor, ein guter Gastgeber zu sein

Von Christian Selz, Port Elizabeth

Drei Wochen vor Turnierstart ist die Stimmung in Südafrika bereits weltmeisterlich. Die Menschen am Kap bringen ihre Geschäftsideen in Position, tragen jeden Freitag ihr Nationaltrikot und bereiten sich auf eine riesige Party vor. Eingeladen ist die ganze Welt.

Den Warnungen des deutschen Auswärtigen Amtes zufolge sollte man bei Sindiswa Veto nicht einmal an der Tür klopfen. Die 32-Jährige vermietet zur Weltmeisterschaft Zimmer in ihrem Wohnhaus – mitten in Walmer Township einem der verrufenen Armenviertel in der Hafenstadt Port Elizabeth. Die deutsche Mannschaft wird hier ihr zweites Vorrundenspiel gegen Serbien bestreiten. Eine deutsche Freundin und deren Bekannte hat die findige Vermieterin schon einquartiert. Sicherheitsbedenken? „Ich glaube, Kriminalität gibt es überall auf der Welt. Manchmal ist man eben zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Seit ein paar Jahren vermietet sie jetzt schon Zimmer, meist an Freiwillige einer deutschen Bildungsförderungsorganisation oder an internationale Studenten, die das Township kennen lernen wollen. Passiert ist noch nie etwas. „Ich wette mein Leben darauf, dass den Touristen hier nichts passiert“, sagt sie.

Zu Gast im Township

Dass man ihr vertrauen kann, bestätigt Jacob Birkenhäger. Der 23-Jährige aus dem hessischen Bensheim arbeitet als Freiwilliger für ein Jahr bei Masifunde Bildungsförderung, besagtem Verein, der Kindern und Jugendlichen mit Bildungsangeboten zu einer besseren Zukunft verhelfen will. Birkenhäger wohnt selbst im Township bereitet gerade mit einer Gruppe von Neunt- und Zehntklässlern ein WM-Studio im dortigen Jugendzentrum vor. Die gesamte Organisation liegt dabei in den Händen der Jugendlichen. Sie müssen dafür Sorge tragen, dass die Technik steht, organisieren Sänger und Tanzgruppen für das Rahmenprogramm und bauen Verpflegungsstände auf. Eingeladen sind neben der Township-Jugend auch ausdrücklich Gäste von „außerhalb“, die das Township kennen lernen wollen – und Lust haben, gemeinsam auf der Großbildleinwand Fußball zu gucken. Aber da fällt es momentan in Südafrika sowieso schwer, Menschen zu finden, die das nicht wollen.

Freitag ist Trikottag

„Extrem aufregend“ findet Lilly Windvoël die nahenden Weltmeisterschaften. Im Trikot der Nationalelf Bafana Bafana ist sie am vergangenen Freitag in der Innenstadt von Port Elizabeth auf dem Weg zur Arbeit. Mit ihrer Kleiderwahl ist sie bei weitem nicht allein. Denn der letzte Werktag ist in Südafrika „Soccer-Friday“ und da wird landesweit Trikot gezeigt. Karten für die Spiele Portugal gegen Elfenbeinküste und England gegen Slowenien habe sie sich gesichert, erzählt die junge Frau, die in der WM eine große Chance für ihr Land sieht. Für Fortune Hlatshwayo, wie Lilly 23 Jahre alt, bedeutet die WM vor allem „Fun, Fun, Fun“. Er hat eine Karte für das Spiel der Griechen gegen Südkorea und will ansonsten möglichst viele Spiele in einem der Fan-Parks sehen und feiern – „Hauptsache, nicht zu Hause sitzen“. Für die etwas ältere Generation der Südafrikaner bedeutet die WM aber noch mehr als nur eine riesige Party. „Es ist eine bedeutende Leistung, das unser Land sich die Austragung des Turniers gesichert hat, vor allem vor dem Hintergrund der langen Zeit der Unterdrückung durch die Apartheid“, erzählt Fezile Gaushe, 40. „Die WM bedeutet verdammt viel. Wir waren von allen Spielen ausgeschlossen, jetzt sind wir zurück.“ Und sein Kollege Siphiwe Spellman, natürlich auch im Trikot unterwegs, ergänzt: „Unser Land ist sicher, die Leute können kommen und Spaß haben. Die WM wird ein perfektes Event.“

Die WM ist sicher

Das sieht auch Inspektor Johan Raubenheimer von der Polizei Port Elizabeth so. Die massiv aufgestockten Polizeikräfte in den WM-Städten wurden für die WM noch einmal extra geschult. „Wir sind definitiv in der Spur für die WM, wir sind bereit, du kannst ganz Deutschland einladen“, sagt er. An ein Sicherheitsrisiko glaubt auch Thomas Fuchs vom Deutschen Klub in Port Elizabeth nicht. „Einige Sachen wurden in der deutschen Presse übertrieben“, sagt der Paderborner, der 1984 als Küchenchef nach Südafrika kam. „Da wird sich zu sehr auf das Negative besonnen. Die Leute, die hier leben, die wissen, dass es nicht so brutal ist, wie das dargestellt wird.“ In Südafrika sei es „nicht so wie Deutschland, aber auch nicht so wie im Kongo“. Wenn man sich dort aufhalte, wo die meisten Touristen auch sind, sei alles ok, sagt Fuchs. Er selbst wird nur das Spiel der deutschen Elf in Port Elizabeth im Stadion verfolgen, ansonsten ist er mit seinem Job im Deutschen Klub voll ausgelastet. Dort werden die Spiele ebenfalls auf einer Großbildleinwand übertragen, in der Party-Halle soll dann sogar eine Stahlrohrtribüne für 300 Gäste stehen. Fuchs kocht jeden Tag zum Spiel des Tages ein passendes Sonder-Gericht, zum Turnier-Auftakt der DFB-Truppe gibt es Sauerbraten mit Rotkohl und Kartoffel-Knödeln. Doch auch für unsere westlichen Nachbarn hat Fuchs ein kulinarisches Herz. Zur Partie Niederlande gegen Japan bietet er Hering in Apfel-Gurken-Zwiebel-Soße mit Pellkartoffeln an – vielleicht ja auf Wunsch auch als Sushi.

Derlei Gourmet-Schmankerl hat Sindiswa Veto nicht zu bieten, Essen wird sie zu den Spielen aber trotzdem anbieten. Die geschäftstüchtige zweifache Mutter will Fish and Chips am Minibus-Taxibahnhof verkaufen, wenn die Fans zu den Spielen strömen. Direkt am Stadion kann sie ihre Speisen nicht feil bieten, die Fifa beansprucht eine Bannmeile für sich und ihre Werbekunden. Was ihr die WM bedeutet? Veto lacht. „Ich will nicht sagen das es mehr Geschäft heißt, aber ganz im Ernst: Genau das ist es. Die WM bedeutet mehr Arbeit für mich.“ Und trotzdem freut sie sich auch auf die landesweite Party. „Ich freue mich schon so darauf, Bafana Bafana verlieren zu sehen“, sagt sie und lacht dieses Mal noch wesentlich lauter.

Kaum jemand am Kap setzt wirklich viel auf das heimische Team, aber der WM-Vorfreude tut das keinen Abbruch. Über 90 Prozent der Karten sind laut Fifa inzwischen verkauft, vor allem auch, weil die Südafrikaner das mangelnde Interesse aus dem Ausland aufgefangen haben. Die Stadien sind längst fertig. Und die wenigen Straßenbau-Projekte die noch abgeschlossen werden müssen? Die Touristen, die nicht kommen, die Hotelzimmer, die nicht gebucht werden, das Geschäft das womöglich durch die Lappen geht? Geschenkt! Sorgen will in Südafrika keiner mehr hören. Jetzt ist Party-Time und die Zeit, der Welt ein guter Gastgeber zu sein. Für Mutige auch mitten im Township.